| Der Klingenrasierer
Seine Eltern müssen
schon früh geahnt haben, dass ihr Jüngster
als Auserwählter geboren wurde. Sie nannten ihn
King - König. Und am Ende seines Lebens, mit 72,
konnte ebendieser King 1926 in der Tat mit der eines
Königs würdigen Bescheidenheit feststellen:
"Der Gillette-Rasierer hat eine ganze Industrie
ebenso revolutioniert wie den Rasiervorgang selbst,
und bis zu einem gewissen Grad hat er gar Gewohnheiten
(des männlichen Teils) der Menschheit geändert.
Es gibt keinen anderen Artikel des täglichen Gebrauchs,
der weltweit so bekannt oder verbreitet ist."
King Camp Gillette selbst,
1855 in Fond du Lac im US-Bundesstaat Wisconsin geboren
und in Chicago aufgewachsen, hat offenbar nie an seinen
Fähigkeiten auch nur im leisesten gezweifelt. Schon
in jungen Jahren beschloss er - genau wie seine drei
älteren Brüder und der Vater - Erfinder zu
werden. Ohne viel Erfolg allerdings. Als dann Gillettes
Familie zu allem Übel noch bankrott gegangen war,
blieb dem 17jährigen King nichts anderes übrig,
als sich als Handelsreisender zu verdingen, ein Gewerbe,
dem er 20 Jahre lang, bis zu seiner Heirat im Jahr 1892,
die Treue hielt.
Nie hatte er derweil freilich
sein Ziel, ein großer Erfinder zu werden, aus
den Augen verloren. William Painter, ein Berufskollege,
dem wir den Kronkorken zum Verschließen von Flaschen
verdanken, empfahl dem ruhmsüchtigen Gillette,
seine Talente - wie er - auf die Erfindung eines Gegenstands
des täglichen Bedarfs zum Wegwerfen zu konzentrieren.
Die Idee überzeugte Gillette. Er begann das Alphabet
nach Dingen abzuklappern, die die Leute häufig
benutzten, in der Hoffnung, auf diese Weise inspiriert
zu werden.
Aber die Erleuchtung kam
ihm erst eines Sommermorgens im Jahr 1895 in seinem
Heim in Brookline, Massachusetts. Als er an jenem Morgen
zum Rasieren vor den Spiegel getreten war, bemerkte
er, dass sein Rasiermesser so stumpf war, dass er es
weder gebrauchen noch selbst wieder schärfen konnte.
Und da war plötzlich die Idee eines völlig
neuen Rasiergeräts, auf austauschbaren Klingen
basierend, in seinem Kopf: ein sehr dünnes, an
beiden Seiten geschliffenes Stahlstück, ein Handgriff
und daran rechtwinklig eine Halterung zum Festmachen
der Klinge. Gillette war überzeugt, dass dieses
Ding die große Erfindung war, nach der er gesucht
hatte: Schnell, billig und mit dem unschätzbaren
Vorteil, dass man sich dabei nicht dauernd den Hals
zerschnitt. "Ich stand in wahrem Freudentaumel
vor dem Spiegel", schrieb er seiner Frau in den
Urlaub. "Ich habe es gefunden. Unsere Zukunft ist
gesichert."
1901 endlich fand er im Mechaniker
William Nickerson einen Partner, der willens und fähig
war, die technischen Probleme zu lösen. Zu diesem
Zweck konstruierte er Maschinen, die in ihrer Art so
neu waren, wie das herzustellende Rasiergerät selbst.
1903 war es dann soweit, dass mit der serienmäßigen
Herstellung begonnen werden konnte. In einer Wirtschaftszeitschrift
wurde der neue Apparat, dreifach versilbert, mit 20
Ersatzklingen in einem hübschen Etui, zum Preis
von 5 Dollar angepriesen mit einer "Erfolg-oder-Geld-zurück"-Garantie.
Bis Ende des Jahres konnten damit freilich nicht mehr
als 51 Rasiersets und 168 Klingen abgesetzt werden.
Nur ein Jahr später sah die Bilanz schon ganz anders
aus: 90.000 Rasierer und mehr als eine Million Klingen
waren verkauft.
Den entscheidenden Schritt
nach vorn, der buchstäblich das Gesicht der ganzen
Männerwelt verändern sollte, machte Gillette
allerdings dann nicht aus eigener Kraft: 1917, als die
USA in den Krieg eingriffen, sorgte die Regierung um
das äußere Erscheinungsbild ihrer Truppe
und stattete, dem Beispiel Frankreichs folgend, die
ganze Streitmacht mit Gillettes Sicherheitsrasierer
aus: Die einmalige Bestellung lautete auf 3,5 Millionen
Apparate und 36 Millionen Klingen. Zurück vom Schlachtfeld,
benutzten dann Millionen Amerikaner den Apparat mit
den Doppelklingen zu Hause weiter.
Wie kaum ein anderer Erfinder
verband der eitle und selbstbewusste King Camp Gillette
das Schicksal seiner Schöpfung mit dem seiner eigenen
Person. Von Anfang an zierten sein Porträt und
sein eigenhändiger Namenszug die Verpackung seiner
Klingen. Man geht darum wohl kaum fehl in der Annahme,
dass Gillette - obwohl er die Lancierung er ersten Elektrorasierer
gerade noch erlebte - 1932 in der Gewissheit starb,
die zum besten und praktischsten Rasierapparat aller
Zeiten gehabt zu haben. Hand aufs Herz: Wer wollte dies
bestreiten?
Quelle:
Buch: Dauerbrenner; Von Dingen, die perfekt auf die
Welt kamen
Autor: Joerg Aeschbacher; Verlag: Ullstein Sachbuch
ISBN: 3-548-35390-8
www.gillette.com
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